Hyperreality Festival

GB 2026 | 210 min | OV
Kinostart 21.5.2026

motionCHOSEN_in*practice by amaaena: short movie, AT 2026 (10min)

UNBOUND by PXKRW (Tikul & Andrzej Wojtas), 122Min, UK, Englisch

Joy Boy: A Tribute to Julius Eastman von Mawena Yehouessi, Fallon Mayanja, Rob Jacobs, Victoire Karera Kampire, Paul Shemisi, Anne Reijniers, 64 Min, Belgien, Frankreich, Demokratische Republik Kongo 2026. •Englisch

Hyperreality Festival 2026 findet von 21.–23. Mai 2026 im Otto Wagner Areal und im Filmcasino Wien statt. Das Wiener Festival widmet sich experimenteller und elektronischer Musik an den Schnittstellen von Clubkultur, Performance und Kunst. Das Programm verbindet internationale Positionen aus Club, Performance und Kunst und versteht Musik als kollektive, körperliche Erfahrung. Das Filmprogramm im Filmcasino ergänzt das Festival um filmische Perspektiven und kontextualisiert zentrale Themen des Programms. – www.hyperreality.at

Zeit als Kontext

Hyperreality versteht Musik nicht ausschließlich als etwas Gegenwärtiges. Auch wenn viele der eingeladenen Positionen im Hier und Jetzt entstehen, ist der Kontext, in dem diese Arbeiten stehen, nie auf die Gegenwart beschränkt. Musikalische Praktiken entstehen immer in Relationen: zu historischen Linien, zu Archiven, zu verlorenen oder verdrängten Geschichten. Zeit verläuft dabei nicht linear. Das Filmprogramm setzt genau hier an und erweitert den Fokus auf Sound um eine zeitliche Perspektive: als Möglichkeit, musikalische Praxis als Teil eines größeren, oft fragmentarischen Zusammenhangs zu verstehen.

Joy Boy

Ein zentraler Bestandteil des Filmprogramms ist Joy Boy (2026), ein experimenteller Dokumentarfilm über den Komponisten Julius Eastman. Als Schwarzer und offen queerer Komponist bewegte sich Eastman in den 1970er Jahren innerhalb eines musikalischen Feldes, das stark von weißen akademischen Strukturen geprägt war. Viele seiner Werke gingen verloren, nur ein Teil wurde archiviert. Er starb 1990 in Armut. Gleichzeitig gilt er heute als Schlüsselfigur in der Erweiterung des musikalischen Minimalismus: Seine Kompositionen verbinden Wiederholung mit Improvisation, körperlicher Präsenz und politischer Sprache — laut, konfrontativ und formal präzise. In dieser Verbindung von Repetition, Dauer und Intensität lassen sich Parallelen zu späteren Entwicklungen in elektronischer und experimenteller Musik erkennen.

Doch Eastmans Geschichte ist auch eine strukturelle. Sie verweist auf ein wiederkehrendes Muster: Innovation entsteht häufig außerhalb der Institutionen, die sie später kanonisieren. Diejenigen, die sie tragen, bleiben oft marginalisiert. Archive sind nicht neutral. Ähnliches lässt sich in der Clubkultur beobachten — der Chicagoer Produzent DJ Deeon, der 2018 bei Hyperreality auftrat, prägt bis heute globale Clubmusik, während seine ökonomische Situation prekär blieb. Vor diesem Hintergrund erscheint Eastmans Geschichte nicht als Ausnahme, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs.

Joy Boy nähert sich dieser Geschichte nicht über eine klassische dokumentarische Form. Ein transnationales Kollektiv aus sechs Künstler:innen arbeitet mit Film, Performance, Choreografie, Text und Archivmaterial und entwickelt daraus eine vielschichtige Annäherung. Musik und Bild stehen nicht in einem illustrativen Verhältnis, sondern existieren nebeneinander. Der Film versteht Eastman nicht als historische Figur, sondern als gegenwärtige Referenz. Seine Arbeit wird nicht erklärt, sondern aktiviert.

Gegenwart als Infrastruktur

Während Joy Boy eine historische Linie sichtbar macht, richtet UNBOUND den Blick konsequent auf das Jetzt — ein Jetzt, das kein stabiler Zustand ist, sondern ein Spannungsfeld, geprägt von Beschleunigung, Unsicherheit und der ständigen Notwendigkeit, neue Räume zu schaffen. Was bleibt, ist eine Praxis des Wiederaufbaus: von Beziehungen, von Vertrauen, von Räumen, die nie vollständig gesichert sind.

Der Film, realisiert vom Künstler:innenkollektiv PXKRW, begleitet Akteur:innen der Londoner Szene, darunter die Plattform Inferno. Im Zentrum stehen trans, nicht-binäre und queere Perspektiven, für die Club eine existenzielle Infrastruktur ist: ein Raum für Fürsorge, Heilung, Selbstbestimmung und kollektives Überleben. UNBOUND versteht Club nicht als temporäres Ereignis, sondern als kontinuierliche Praxis — als Gefüge aus Beziehungen, künstlerischer Arbeit und politischer Organisation. Der Film entsteht aus der Szene heraus. Was sichtbar wird, ist eine Gemeinschaft, die sich über gewählte Familien und gegenseitige Verantwortung definiert. Mit dem Inferno Showcase bei Hyperreality 2026 findet diese Praxis eine direkte Fortsetzung in Wien.

Rave als flüchtiger Raum

Einen anderen Zugang eröffnet motionCHOSEN_in*practice von amaaena. Der Kurzfilm folgt einem surrealen, kollektiven Raum, der untrennbar mit Nacht und Dunkelheit verbunden ist. Während UNBOUND Club als soziale Infrastruktur sichtbar macht, richtet sich der Blick hier auf die verkörperte Dimension: Tanz, Rausch, Exzess, Fürsorge und Selbstausdruck als Praktiken, die sich nicht vollständig dokumentieren lassen, sondern im Moment entstehen und wieder verschwinden. Der Film versteht Rave als temporäre Form von Gemeinschaft — als etwas, das sich immer wieder neu bildet. Was sichtbar wird, ist weniger eine feste Struktur als ein Zustand: ein Zusammenkommen, um zu feiern, Raum einzunehmen und Sicherheit zu schaffen — ritualisiert, flüchtig, im Dunkeln.

Parallelen und Verschiebungen

Alle drei Filme verhandeln unterschiedliche Momente derselben Frage: Wer wird gehört, wer wird erinnert — und unter welchen Bedingungen? Während Eastmans Geschichte von Verlust und nachträglicher Anerkennung geprägt ist, zeigt UNBOUND eine Szene, die aktiv andere Strukturen schafft. motionCHOSEN_in*practiceverschiebt die Perspektive erneut: Der Film interessiert sich für Zustände von Gemeinschaft, die sich der vollständigen Erfassung entziehen. Gerade darin liegt eine Form von Widerständigkeit: in der Weigerung, sich vollständig in bestehende Logiken von Dokumentation und Repräsentation einzufügen. Clubkultur wird im Kontext von Hyperreality nicht romantisiert, sondern als ambivalenter Raum verstanden: als Ort von Freiheit und gleichzeitig als Teil größerer Strukturen.

Wenn Hyperreality Sound als Situation begreift, dann zeigen alle drei Filme, dass diese Situationen immer in größere Zusammenhänge eingebettet sind. Nicht jede musikalische Zeit wird archiviert. Nicht jede Szene bleibt bestehen. Und nicht jede Realität wird gehört. Das Filmprogramm versteht sich als ein Versuch, diese Lücken zumindest teilweise sichtbar zu machen.


Hyperreality Festival

GB 2026 | 210 min | OV

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